Soziale Einrichtungen:

Das „Haus 100“

Dieses Hennstedter Gebäude existiert nur noch in den Erzählungen der älteren Einwohner. Es wurde nach sehr wechselvoller Geschichte 1978 abgerissen.
Mit diesem Haus, das am Mühlenberg (heutiger `Bolzplatz`) stand, verbindet sich insbesondereder Begriff des Armenwesens im Kirchspiel Hennstedt. Aus einem alten Dokument von 1821 geht hervor, dass es damals schon eine organisierte Armenpflege gab. In eine Armenkasse flossen Beiträge der Kirche,Pflichtabgaben der Grundbesitzer sowie des Kirchspiels, das auch für die Unterhaltung eines Armenhauses und deren zugehörigen Ländereien zuständig war.
Nachdem 1867 die preußische Verwaltung in Schleswig-Holstein in Kraft trat, wurde das Armenwesen auf die Kirchspielsgemeinde übertragen, und damit auch das gesamte Armenvermögen – bestehend aus Armenhaus und den Ländereien. Dem neugeschaffenen Amtsbezirk Hennstedt schloss sich auch die Gemeinde Fedderingen an (die ja von alters her als „königliches Dorf“ nicht zur Kirchspielsgemeinde zählte), und so entstand der „Gesamt-Armenverband Hennstedt-Fedderingen“. Dieser wählte ein Armenkollegium, das für alle Aufgaben des Armenwesens verantwortlich war.
Ein seit 1851 schon bestehendes Werkhaus diente nun den Armen als Unterkunft. Als arm galt, wer keine Bleibe und kein Auskommen mehr hatte; es waren vor allem alte Menschen, die in keinem Familienverband mehr lebten. Aber auch Waisenkinder kamen in die Obhut des Werkhauses.
Im „Hennstedter Landboten“ finden sich anrührende Beispiele des Lebens einiger Insassen.
Im Werkhaus hatte ein Verwalter das Sagen, der mit Vadder, und dessen Frau mit Mudderangeredet wurde. Es bestand eine strenge Hausordnung, die vom Landrat genehmigt werden musste und vom Armenverbandsvorsteher kontrolliert wurde. Es herrschte Geschlechtertrennung, und gegen renitente Bewohner konnten Arreststrafen verhängt werden. Schwierige Situationen ergaben sich, wenn Landstreicher oder „Monarchen“ eingewiesen wurden oder eine Überbelegung des Werkhauses stattfand – zeitweilig befanden sich bis zu 100 Menschen in diesem Gebäude. Nach der Jahrhundertwende waren im Haus nur noch 20 bis 30 Personen untergebracht, deren Zahl mit dem Anstieg des allgemeinen Wohlstandes weiter zurückging.
Die Bewohner erhielten außer der Unterkunft, Verpflegung und Kleidung auch ärztliche Versorgung. Die Kleidung wurde im Ortaus einheitlich blau gefärbtem Stoff hergestellt. Die Waisenkinder waren in dieser Tracht in der Schule den Hänseleien der anderen Kinder ausgesetzt. Von 1900 an konnte dann `Zivilkleidung` getragen werden. Zur Ernährung diente die Bewirtschaftung der Armenländereien: Es gab einen Hausgarten, die nahe gelegenen Werkhauskoppeln sowie Weideland im Horster Koog, das verpachtet wurde. Die Werkhausinsassen mussten nach Kräften zu ihrem Unterhalt beitragen – sei es mit Garten-und Feldarbeit, Wäschepflege, Mattenund Korbflechten, Besenbinden, Holzhacken u.a.m. Meistens waren aber noch Zuschüsse der Trägergemeinden erforderlich.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich in Hennstedt auch außerhalb des Werkhauses eine öffentliche ambulante Armenfürsorge, an der maßgeblich ein 1905 gebildeter „Frauenverein“ beteiligt war, dessen Gründung auf Anregung des Pastors Thomsen erfolgt war. In ihm waren insbesondere die Frauen der Honoratiorenfamilien tätig in Form von Krankenbesuchen, -pflege und -beköstigung. Sie warben auch Spenden ein und sorgten 1911 dafür, dass eine Krankenschwester eingestellt wurde. Die Belegung des Werkhauses ging stetig zurück. Die öffentliche Fürsorge und die kirchliche Caritas sorgten segensreich für die Armen.
Nach dem Ende des I. Weltkrieges und den politischen Umbrüchen wurden aus den Armen „Fürsorgeempfänger“ und aus dem Werkhaus ein „Pflegeheim“. Der Kreis übernahm nun einen Großteil der Fürsorgekosten und wurde Eigner des Gebäudes und des Gartens. Die Armenländereien verblieben zunächst beim Gesamtfürsorgeverband, später wurde die Kirchspielslandgemeinde Hennstedt alleinige Besitzerin. Erst 1935/36 wurden der Verband und das Pflegeheim aufgelöst. Die letzten 7 Bewohner wurden anderweitig untergebracht, und der Kreis verzichtete auf sein Eigentumsrecht.
Das Gebäude, das nun kein Werkhaus und Pflegeheim mehr war, wurde umbenannt in „Haus 100“,denn die Gemeinde hatte in den zwanziger Jahren eine Gebäudezählung erhoben und diesem Bau die Hausnummer 100 zugeteilt.
Das Deutsche Reich pachtete jetzt das Haus, den Stall und den Garten auf 10 Jahre für 30 RM monatlich. Es entstand ein „Landdienst“ für arbeitlose junge Männer, und ab 1941 eine Abteilung des weiblichen „Reichsarbeitdienstes“. Nach dem Zusammenbruch 1945 wurden im Haus 100 Notunterkünfte für Evakuierte aus den zerbombten Großstädten Hamburg und Kiel, sowie Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten eingerichtet. Eine Volksküche sorgte 3 Jahre lang für eine Schulspeisung. Das Haus diente kurze Zeit als Notlazarett, und das Deutsche Rote Kreuz richtete in einem Gebäudeteil ein Mütterheim ein, das bis 1947 bestand. Zeitweilig wurden auch überfüllte Schulklassen hier untergebracht. Im Jahre 1949 zog der `Aufbauzug` der Hennstedter Schule in das Haus 100 ein, auch der Schulleiter erhielt hier seine Wohnung und sein Dienstzimmer. Das baufällig gewordene Haus 100 wurde im Jahre 1978 abgerissen. Die Armenpflege wird heute von der Sozialstation des Amtes betrieben.

Gemeindeschwester Elli auf dem Rad unterwegs im Ort

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