Brauchtum

Brauchtum

Es ist unseres Wissens nicht möglich, für den Ort Hennstedt typische Sitten und Gebräuche zu benennen. Dies könnte eher für die gesamte Region Dithmarschen geschehen: Es ist offensichtlich, dass hier andere Traditionen lebendig sind als beispielsweise in Bayern. Aber dabei ist zu bedenken, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten vieles verändert hat oder verschwunden ist – bedingt durch gewandelte Lebensumstände und eine andere Bevölkerungsstruktur.
Über Dithmarschen hinaus ist der traditionelle „Schwertertanz“, der auch heute noch zu besonderen Gelegenheiten aufgeführt wird, bekannt. Er geht in seinen Anfängen auf 1500 zurück, der Schlacht bei Hemmingstedt: Einige junge Männer führen mit ihren Schwertern  nach einer  bestimmten Choreografie zu Trommelklängen Bewegungen im Kreis aus und formieren sich dann so in der Runde, dass ihre Schwerter mit den Spitzen zueinander zeigen und übereinander liegen. Der „König“ genannte Anführer der Gruppe kann nun auf diese Rosette  steigen und hochgehoben werden. Dort hält er eine kurze Ansprache, welche die Dithmarscher Freiheitsliebe und Eigensinnigkeit beinhaltet. Dieser Brauch geriet zwischenzeitlich fast in Vergessenheit bis er in den 1950ger Jahren wiederbelebt wurde und so eine Dithmarscher Tradition darstellt.
Ein anderer Brauch hat sich bis heute in Dithmarschen gehalten: Es werden zu Fastnacht, noch vor Aschermittwoch, gemeinschaftlich „Heiße Wecken“ gebacken. Sie sind ein Symbol für das Ende des Winters. Früher war  dieses Backen mit dem sogenannten „Umschwieren“ verbunden, d.h. es gab einen Umzug,  wobei viele Dorfbewohner heimgesucht  und genötigt wurden, von ihren Heißwecken abzugeben. Dazu gab es natürlich auch ein passendes Getränk. . .
Was im 17./18. Jahrhundert noch lebendiges Brauchtum war – nachzulesen in A. Vieth1  - ist heute oft vergessen oder nur ansatzweise vorhanden. Wohl ist manches noch zu finden bei besonderen Anlässen wie z.B. Hochzeit, Taufe und Beerdigung, und besondere Rituale sind noch in den verschiedenen Vereinen lebendig (so gibt es in der ”Vogelgilde” einen Traditionsbewahrer), aber aus dem Alltagsleben sind spezielle Sitten und Bräuche weitgehend verschwunden.
Bei Überlegungen zu diesem Thema fallen einem - außer der Sprache Plattdeutsch- als Besonderheiten landestypische Speisen ein. Hier ist wohl heute an erster Stelle der Mehlbüddel zu nennen, aber auch Kohlgerichte gehören dazu. In alten Zeiten wurden traditionell allerdings Milchspeisen bevorzugt: Vieth führt einige Rezepte zu Sauer- und Buttermilch und Käse an. Auch wurde viel Fleisch verzehrt, ebenso Getreideprodukte. Von Gemüse ist keine Rede. Die alten Dithmarscher haben eine ”Lebens-Art... im Essen geführet, welches zu ihrer beständigen Gesundheit und starcken Leibesconstitution ein grosses beygetragen.” Als Getränk bevorzugten sie das Bier, allerdings in ”unmäßigem Gebrauch”, so noch ”leyderbey vielen jetzunder in steter Übung gehalten wird, da sie etliche Tage und Nächte dem Sauffen nachhängen und gleichsam eine Ehre darin suchen, wo einer den andern im Sauffen überlegen; daher denn auch öffters groß Unglück, Mord und Todschlag entstanden; und ist es noch so gar lange nicht, daß die Weiber gewohnt gewesen, auf Hochzeiten, Kindtauffen und andere Gästereyen der Männer Sterbe-Kleider mitzunehmen, um solche im Fall der Noth zu gebrauchen.2 Dieser Brauch ist in der heutigen Zeit glücklicherweise vergessen.
Bei Vieth nehmen die Ausführungen zum Trinken einen breiten Raum ein und münden in das alte Dithmarscher Sprichwort: ”En ehrlick Mann supt sick wohl enmahlduhn, averst en Schalck3 höder sick davör”. Andere Sitten und Gebräuche der Dithmarscher gibt Vieth ausführlich wieder. Beispielhaft sei hier auf das Hochzeitszeremoniell verwiesen: Als erster Schritt muss die Werbung durch Verwandte oder Freunde des Interessenten erfolgen; diese kann auch abgelehnt werden, und dann heißt es: ”Se hefft de Schüffelbekamen4  Wird die Werbung positiv aufgenommen, macht der Bräutigam einen Antrag beim Brautvater. Zur Bekräftigung gibt es einen Trinkspruch, sodann wird ein ausführliches Gespräch über die ”Mitgift und das Heyraths-Gut” geführt – es wird ”gespeiset und oftmals bis an den hellen Morgen getrunken”. Nach einiger Zeit der Prüfung wird die Verlobung bekanntgegeben- oft in der Kirche, und beide Parteien ”bereden sich daselbst wegen der Aussteuer, Braut-Schatzes, BrautWagen, Wiederlage und was dem anhängig, wie es auf erfolgenden Todes-Fall des einen oder des anderen solle gehalten werden.”5  Dann wird zu Hause wieder allen kräftig zugetrunken. Der Bräutigam füllt seinen Becher anschließend mit einem ansehnlichen Traupfennig und bringt ihn der Braut. Wieder werden Speisen und Getränke genossen. Nun wird der Hochzeitstag festgesetzt und von der ”Canzelproclamiret” , auch werden die Brautleute vom Prediger ”copulirt”. Es beginnen nun die Vorbereitungen für die Hochzeitsfeier. Die Braut stellt ihre Kleidung, ihren Schmuck, die Betten und das Leinen für den ”Uthschuff” bereit. Der Bräutigam schickt mehrere Wagen zur Braut: Einen für die Aussteuer, einen für die Braut mit ihren 2”Spriddeldocken” und ihren Begleiterinnen, einen Wagen mit den Spielleuten. Es wird auch ein besonderes langes ”BrautBrod” nebst ”Braut-Käse” mitgeführt und übergeben. Nach Reden, Danksagungen und einem Vortanz der Braut-Knechte sowie einer Mahlzeit mit reichlich Getränken, wird die Braut, deren Gesicht verhüllt ist, dem Bräutigam zugeführt. Dieser empfängt sie an der Tür und fragt dreimal ”Vader und Moder / Schwester und Broder / mag ick wohl mit Ehren mine Brut intrecken?6 Die weitere Abfolge ist streng geregelt, bis sich endlich alle zum Hochzeitsmahl mit anschließendem Tanz begeben. Es wird wieder reichlich getrunken, und nach vielen Glückwünschen werden die Brautleute zu Bett gebracht. In einigen Gegenden Dithmarschens war es üblich, dass die Braut die ersten zwei Nächte mit ihren Begleiterinnen schlafen musste,”daß also der Bräutigam gezwungen, seine Tobias Nacht halten muß”. Im weiteren Verlauf des Festes werden nach besonderem Ritual das Brautbrot und der -Käse verteilt, dazu kräftig getrunken, getanzt und gesungen.
Ein anderer Brauch aus alten Zeiten, der aber auch heute noch lebendig ist, soll hier noch gewürdigt werden: das Kindervogelschießen, das mindestens seit Anfang des vorigen Jahrhunderts durchgeführt wurde und auch im II. Weltkrieg stattfand. Die Schulkinder ermittelten klassenweise durch Wettkampfspiele König und Königin und es gab Preise zu gewinnen. In festlicher Sonntagskleidung mit blumengeschmückten Bügeln und Stäben, unter Musikbegleitung verlief am Nachmittag der festliche Umzug durchs Dorf, bevor es auf den Sälen zum Tanzen ging. Die von den begleitenden Erwachsenen gespendeten Süßigkeiten waren damals noch etwas Besonderes. 

To Anfang vun de Sommerferien wohr domols in all de Dithmarscher Dörper un Städt Kinnervogelscheten fiert. Dat wär för Jung un Old eengrodes Fest. De Deerns müssen mit tobunnOgenversöken, rode Tonpütttodrepen, un mit dreSläg kaputt toslog`n. De, welke de letzte unlüttstePutttweikreeg, wär `Königin` unkreegdatbesde Geschenk. De gröderen Jungs schoten nah eenHoltvogel, de opp`nFohnstangseet - un wer de Kopp rünnerschoot, wär `König`unkreeg ok hier wedderdat Hauptgeschenk. König un Königin wohrnomeddags mit Musik affholt, un denn trocken se dörtDörpünner de Blombügel, de vun de Deerns ehr Mudder oder Tande dagsvörherbunnwohrn. Se stünn denn an de Strotunkeeken, wokeen de smückste Bügel mokt harr. För de lüdderenKinnergeewdatSacklopenoder Wußschnappen, mit`nEi in Lepellopen – un de Lehrer smeeten ok söde Kringel in de Grabbel”  ...7
 

Kindervogelschießen in der NS - Zeit

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Kindervogelschießen 1952

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Kindervogelschießen 1958

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